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Zwei fränkische Friedhöfe künden vom Anfang des Dorfes Großkuchen

Quelle: Karl Hartmann (Handelsschullehrer und Heimatkundler in Heidenheim)

Frühfränkischer Friedhof aus vorchristlicher Zeit

In der Flur "Kreuzeck" der Gemarkung Großkuchen stieß man im Jahr 1967 bei Kanalisationsarbeiten auf Reihengräber. Die Toten waren nach altgermanischer Sitte in West-Ost-Lage, den Blick der aufgehenden Sonne zugewandt, bestattet. Das Gräberfeld konnte als frühfränkischer Friedhof aus vorchristlicher Zeit bestimmt werden. Die dazugehörige Siedlung müssen wir uns westlich davon vorstellen.

Grabbeigaben

Seit dem späten fünften Jahrhundert werden die Toten der besitzenden Bevölkerung mit reichen Beigaben bestattet; die Zeiten der Not und Armut waren überstanden. Von jeher war es bei den germanischen Völkern Rechtsbrauch, daß aus dem beweglichen Vermögen des Verstorbenen diesem für die Grabausstattung ein Teil zur Verfügung blieb. Der freie Mann hatte Anspruch auf das "Heergewäte" - die Waffenrüstung -, die Frau auf die sogenannte "Gerade" (Kleidung und Geräte). Die Totengaben für den freien Mann waren außer seinen Waffen sein Gewand und in seltenen Fällen auch das gesattelte Streitroß.
In Schnaitheim wurde ein solches vor mehr als einem Jahrzehnt nur wenige Meter vom dortigen Reihengräberfeld entfernt mit dem Aushub der Baugrube zusammen unbeachtet auf den Schuttablageplatz verfrachtet!
Die Grabbeigaben von Großkuchen aus einem Frauen- und einem Männergrab zeugen nicht nur von dem hohen Können des alemannisch-frühfränkischen Handwerks, sie belegen auch eindrucksvoll den für damalige Verhältnisse weltweiten Handel mit dem germanischen Norden und römischen Süden, aber auch mit dem fernen Osten bis hin zum Indus. Mit dem Warenaustausch ging der Einfluß fremder Kulturen Hand in Hand.

Grabbeigaben im Frauengrab

So zeigen die Fibeln aus dem Frauengrab neben Motiven aus dem nordgermanischen Tierstil eine Verbindung mit dem spätrömischen Kerbschnitt; sie sind dem sechsten und siebten Jahrhundert zuzuschreiben. Der bandförmige, in Tierköpfen endende Tierköper weist ein engmaschiges Zellenwerk mit geraden, gewellten oder im Zickzack geführten dünnen Stegen auf. Daß aber Teile der im Frauengrab gefundenen Beigaben nur auf dem Handelswege durch fränkische Händler in unsere Gegend gelangten, das beweisen einzelne Stücke von der Geraden der Toten. Da sind einmal die kleinen Bernsteinperlen von der Ostsee, dann die farbenprächtigen Millefiori-Glasperlen, welche auf die frühfränkischen Glashütten von Köln am Rhein weisen, und das nachträglich geborgene Almandinfibelchen (Vogelkopffibel), dessen Halbedelsteine von Indien stammen. Der letzte Fund erlaubt uns eine Datierung des Frauengrabs. Ungefähr seit dem Jahre 700 n. Chr. ist die gesamte Süd- und Ostküste des Mittelländischen Meeres von den Arabern besetzt, was eine Unterbrechung des Fernosthandels mit sich brachte. So haben wir gute Gründe, die Großkuchener Gräber dem siebten Jahrhundert zuzuweisen.

Kleidung und Schmuck im Frauengrab

Es bestand damals allgemein die Sitte, die Toten sorgfältig bekleidet zu bestatten. Freilich sind von ihrer Kleidung nur selten Reste erhalten und wir sind hier auf antike Quellen angewiesen, auf die Aussagen römischer Berichterstatter oder die Darstellungen an römischen Bauwerken wie Triumphbogen u. a . In unserem Frauengrab fand sich zwischen zwei Bronzefibeln in Schulterhöhe noch ein Stück Leder. Sehr schön überkommen war die Musterung des Leinengewebes. Die Rostschicht eines eisernen Gegenstandes, der auf dem Gewande ruhte, zeigte erhaben abgezeichnet naturgetreu das rautenförmige Muster des Gewebes. Daß das lang herabwallende Haupthaar der Germanin sorgfältige Pflege erfuhr, beweist die zu ihren Häupten gelegene Bronzehaarnadel, deren Kopf ein schon mit Gold ausgelegtes Ornament zeigte, und der mit Kreismustern und Schrägstrichen verzierte Beinkamm mit Futteral. Der lange, bis zu den Knöcheln reichende Rock wurde unterhalb der Knie mit zwei vergoldeten Gewandnadeln zusammengesteckt. Ihre beiden stilisierten Tierköpfe sollten Unheil abwenden und die Trägerin vor lebensfeindlichen Machten schützen. Ein bronzener Fußreif zeigt eine Schlange, die ihr eigenes Schwanzende verschlingt.

Grabkammer des Frauengrabs

Eine dünne Schicht vermoderten Eichenholzes - Reste eines Totenbaums - kleidete die aus Weiß Jura-Platten errichtete Grabkammer aus. Steinerne Grabkammern entstammen dem fränkischen Brauchtum. Sowohl die Ausstattung als auch die Anlage des Grabes lassen auf eine Angehörige der gehobenen Schicht schließen. Ärmere legte man auf ein einfaches Brett, das Totenbrett. Die Lage der Toten unterschied sich von der sonst üblichen. Ihr rechter Unterarm war stark abgewinkelt und lag unter dem rechten Becken. Der Leichnam muß leicht auf der Seite liegend bestattet worden sein; die herrliche Halskette war dabei bis zum linken Becken geglitten. Diese merkwürdige Lage verlebendigte die Tote; es war, als hätte sie, etwas zur Seite gewandt, sich zur Ruhe gelegt. Ruhe und Majestät lag auch über ihrer linken, außerordentlich feingliedrigen Hand. Das Gebiß war vollkommen; die Tote mochte etwa 30 Jahre alt gewesen sein.

Grabbeigaben im Männergrab

Aus dem Männergrab - es war das eines Freien - wurde geborgen: ein Langschwert (Spatha), welches noch Spuren der mit Birkenbast umwickelten hölzernen Scheide zeigte, die Lanzenspitze, in deren Tolle noch der Eschenstumpf des Schaftes steckte, dazu der Lanzenschuh, silbertauschiertes Gürtelbeschläg und eine nicht mehr vollständig erhaltene Gürtelschnalle. Merkwürdigerweise fanden sich in keinem der Gräber von Großkuchen Gefäße für Speise und Trank als Wegzehrung, wie sie zum Beispiel von Steinheim oder Sontheim/Brenz bekannt sind.

Bestattung auf dem "Kirchhof"

Etwa 150 Jahre lang mögen die Toten auf dem Reihengräberfriedhof "Kreuzeck" bestattet worden sein. Dann wurde der im freien Feld gelegene Friedhof aufgelassen. Seit der Einführung des Christentums wurden die Toten um die Kirche herum auf dem "Kirchhof' bestattet. Das Heergewäte fallt jetzt an die Kirche; es dient dazu, für das Seelenheil der Toten Messen lesen zu lassen. Die Totengabe wurde zum "Seelteil", "Seelgerät" oder "Seelschatz". Freilich spukte noch jahrhundertelang in den Köpfen der Glaube an die alten Götter. Schon in den dreißiger Jahren wurde in dem westlich gelegenen Flurteil Kapellberg ein Reihengräberfeld entdeckt, das zu einer zweiten Hofgruppe gehören mußte. Wir gehen wohl nicht fehl in der Annahme, daß der Ort Chuochein, um 800 erstmals urkundlich genannt, aus zwei Urweilern entstanden ist, zwischen denen ein christliches Holzkirchlein erbaut wurde. Ähnliche Verhältnisse sind uns von anderen Kreisgemeinden bekannt, so von Herbrechtingen, Steinheim am Albuch, Gerstetten. Auf Grund der Freilegung weiterer sechs Gräber auf engem Raum müssen wir wenigstens 60 Grablegen annehmen. Es wäre ein Irrtum, aus dieser Zahl auf eine größere Gehöftegruppe zu schließen. 60 Gräber, auf etwa fünf Generationen verteilt, ergaben eine ansässige Bevölkerung von 12 bis 15 Menschen, die in einem Weiler mit drei oder vier Höfen hausten. Hinzu käme noch das keltische Gesinde, das vielleicht andernorts bestattet wurde. Im Ganzen gesehen war die Bevölkerung in jener Zeit wenig zahlreich. Die jahrhunderte langen Kämpfe hatten ihren Blutzoll gefordert.

Entstehung von Kleinkuchen

Schon die Namen Großkuchen und Kleinkuchen sagen, daß die beiden zusammengehören. Noch um 800 n. Chr. ist nur von Chuochein die Rede, weil es damals nur ein "Kuchen" gab. Erst um 1100 hören wir von zwei "Kuchen", die dem Gaugrafen von Dillingen zugehörig sind. Um 1150 ist anläßlich einer Schenkung des Grafen Adalbert von Dillingen von Besitzungen in Minori Cuochen ("Minder"- oder "Klein"kuchen) die Rede. Wir dürfen annehmen, daß im 11. Jahrhundert, also viele Jahrhunderte nach der Gründung des Urdorfes, die Tochtergründung erfolgte. Jenes wurde von nun an "Großkuchen" genannt. Kleinkuchen, bereits in christlicher Zeit gegründet, bestattete seine Toten um das Kirchlein.

Frühkeltische und alamannische Siedler in Großkuchen

Archäologische Fundstellen in der Umgebung von Großkuchen

Mitte der Siebziger Jahre erschloß die Gemeinde das Neubaugebiet “Gassenäcker” am Nordrand von Großkuchen. Bei verschiedenen Ausgrabungen (1976 bis ‘79 und 1986) wurden dort archäologische Funde geborgen, die eine recht gute Vorstellung von der Geschichte Großkuchens in keltischer und besonders in alamannischer Zeit vermitteln. Die Besiedelung setzt in der frühen Eisenzeit (Hallstattzeit, ab 7. Jh. vor Chr.) ein. Gleichzeitig begannen die frühkeltischen Siedler ihre Toten in Grabhügeln zu bestatten, die sich in der Umgebung von Großkuchen in ungewöhnlich großer Zahl erhalten haben. Die spätkeltische Zeit (2./1. Jh. vor Chr.) und die römische Zeit (Ende 1. bis Mitte 3. Jh. nach Chr.) sind nur durchStreufunde vertreten. Eine römische Straße, die von Heidenheim nach Oberdorf am Ipf führt, überquert nach knapp 3 km östlich von Großkuchen das Neresheimer Tal.

Bald nach dem Fall des rätischen Limes (260 nach Chr.) und dem Rückzug des römischen Militärs auf Positionen südlich der Donau setzte sich eine Gruppe alamannischer Siedler in Großkuchen fest. Die wirtschaftliche Existenz dieser Siedler beruhte nicht alleine auf Ackerbau und Viehzucht. Zahlreiche Schlacken, die in den alamannischen Siedlungsschichten lagen, sind das Abfallprodukt einfacher Schmelzöfen, in denen Eisen gewonnen wurde. Das Erz bauten die alamannischen Schmelzer in den Bohnerztonen ab, die südlich von Großkuchen weite Strecken des Härtsfeldes bedecken.

Im Laufe der Zeit legten die alamannischen Bewohner Großkuchens für ihre Toten mehrere Friedhöfe an:

1) Gräberfeld “Gassenäcker” am nördlichen Ortsrand (ca. 450 bis 530 nach Chr.)

2) Gräberfeld “Pfaffensteig” östlich des Ortes (ca. 550 bis 650 nach Chr.)

3) Gräberfeld “Kappelberg” am westlichen Ortsrand (ab 590 nach Chr.)

Aus der Frühzeit der alamannischen Besiedlung (Ende 3. und 4. Jh. nach Chr.) sind keine Gräber bekannt. Es muß offen bleiben, ob Großkuchen in alamannischer Zeit durchgehend besiedelt wurde, oder ob der Ort etwa in den Jahren 400 bis 450 und 530 bis 550 wüst lag. Das Gräberfeld “Kappelberg”, das seit 590 parallel zum Friedhof “Pfaffensteig” belegt wurde, zeigt vielleicht einen zweiten Siedlungskern am westlichen Ortsrand an. Der Name Großkuchen wird zum ersten Mal im 9. Jh. nach Chr. in der Form “Chouchheim” überliefert. Namen mit der Endung “-heim” gehen gewöhnlich auf Ortsgründungen in der 1. Hälfte des 6. Jh. nach Chr. zurück.