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Wie das "Erzmännle" dem Bergbau ein Ende bereitete

  • Hülbe und blühende Seerose

Tödliche Strafe für die Gier nach Erz

Ein Wissenschaftler würde wohl einleuchtende Gründe dafür finden, warum man rund um Heidenheim schon lange kein Erz mehr abbaut: Nur in kleinsten Körnchen fand man das darum auch "Bohnerz" genannte metallhaltige Gestein früher; daraus Eisen zu schmelzen war mühsam und wohl irgendwann schlicht zu teuer. In den alten Erzählungen findet sich freilich ein ganz anderer Grund für das Ende des Bergbaus - die Geschichte vom "Nattheimer Erzmännle" nämlich. Vor vielen Jahrhunderten herrschte in den Wäldern zwischen Oggenhausen und Nattheim reger Betrieb. In Gruben ließen reiche Besitzer nach Bohnerz schürfen. Das geschah dabei ebenso von Hand wie der Abtransport zu den Eisenhütten in den Tälern - eine schweißtreibende und dazu schlecht entlohnte Plackerei. Daran lag es aber nicht, dass eines Jahres plötzlich mehr und mehr Arbeiter die Gruben auf Nimmerwiedersehen verließen: Bleich und verstört kamen sie die Leitern aus den finsteren, tiefen Löchern empor, warfen ihre Meißel und Hacken fort und stolperten aus dem Tal - und auch das Toben ihrer Herren hielt sie nicht davon ab, nie wieder zur Arbeit zu erscheinen. Nach und nach schloss eine Grube nach der anderen - nur ein Grubenherr wollte nicht aufgeben: Von auswärts war er nach Nattheim gekommen, hatte sich sein kleines Grubenreich geschaffen und dachte nun gar nicht daran, es aufzugeben. Er stellte neue Arbeiter an, zahlte ihnen viele Heller mehr am Tag und stellte ihnen fette Grützen auf den Tisch. Umsonst: Mancher blieb wenige Stunden, andere hielten in paar Tage aus - doch dann flüchteten sie und kamen nie wieder. In den Gruben, so stammelten einige, wohne ein Geist. Außer sich vor Zorn stieg der Grubenherr selbst in die Tiefe, leuchtete mit der Fackel in alle Ecken und schnaubte verächtlich: Nichts war von einem Geist zu sehen. Verärgert hob er eine Hacke, die ein Arbeiter fallengelassen hatte, und hieb damit gegen den Fels. Da wurde es plötzlich hinter ihm hell, und als der Grubenherr sich umdrehte, sah er ein kleines Männlein aus dem Fels treten - ganz leicht, als breche es durch ein lichtes Gebüsch. Das Männlein war klein, hatte eine giftgrüne Kappe und einen silbrig-glänzenden Bart. Dabei leuchtete es selbst - viel heller als die Fackel des Grubenherrn. Das Männlein blickte ihn streng an und neigte den Kopf: "Nehmt mir nicht mein letztes Erz", sprach es mit seufzender Stimme. "Alles habt ihr genommen. Nehmt mir nicht mein letztes Erz." Der Grubenherr bekam es mit der Angst und eilte die Leiter hinauf ans Tageslicht. Dort freilich gewann die Gier nach Erz und Geld bald wieder die Oberhand über ihn. Ein kleines Männlein sollte ihm seinen Reichtum verderben? Nie und nimmer! Da traf es sich gut, dass sich am nächsten Tag ein armer Köhlersohn bei ihm verdingen wollte. Dass man beim Grubenherrn gutes Geld verdiene, habe er gehört, und Geld wolle er verdienen, denn seine Mutter sei krank und brauche teure Arznei. "Ich werde alles tun und nicht weglaufen", versprach er. Zu allem bereit, stieg er gleich in die Grube hinab - und siehe da, er schien vom Erzmännlein nichts zu sehen. Einen Korb nach dem anderen mit bestem Erz schaffte er die Leiter empor, er arbeitete allein so viel wie sonst ein ganzer Trupp von Bergleuten. Der Grubenherr sah den enormen Fleiß des Köhlersohns mit heller Freude - doch schon sorgte er sich um seine Zukunft: "Wenn der so weiterarbeitet, hat er das Geld für seine kranke Mutter in wenigen Tagen beisammen." Und so betrog er seinen Arbeiter, der hart arbeiten, aber nicht zählen konnte. An jedem Tag zahlte er ihm nur einen Bruchteil des gerechten Lohns, und als der sechste Tag vorbei war, hatte der Köhlersohn so statt dem eigentlich verdienten Geld für seine Mutter nur ein Viertel beisammen. Da rumorte es plötzlich in der Erde, und das Erzmännlein sprach jetzt laut und dröhnend: "Ihr nehmt mir nicht mein letztes Erz!" Das Rumoren wurde zu einem Brausen und Zischen, Wasser stieg brausend aus der Tiefe, stieg hoch und höher bis an den Rand, erfasste den Grubenherrn und zog ihn in die Tiefe. Zurück blieb von der Grube nur ein tiefer Teich. In dem war auch der Köhlersohn ertrunken, doch die Sage erzählt, dass seine Mutter am nächsten Tag gesund wurde und der See sich über Nacht mit blendend weißen Seerosen bedeckte. Nach denen muss man im Wald zwischen Nattheim, Heidenheim und Oggenhausen heute zwar lange suchen - doch Teiche gibt es mehrere. Und wenn man der Sage glauben darf, wacht in einem das Erzmännlein über seine Schätze.

Text: Dr. Hendrik Rupp
Foto: Andreas Pröbstle / Dr. Hendrik Rupp