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Der grausame Müller muss auf vier Pfoten spuken

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Nein, leicht haben es die Hürbener in alten Zeiten weiß Gott nicht gehabt: Eingeklemmt zwischen sumpfigen Tälern und steinigen Höhen hatten die wenigen Bewohner des kleinen Dorfes schon genug Arbeit, um für ihr täglich Brot zu sorgen - und dann hatte der Flecken neben den eigenen Burgherren, den "de Hurwins" auf dem hohen Felsen mitten im Dorf, später auch noch die nahe und noch viel größere Kaltenburg zu versorgen. Beide Festen garantierten darüber hinaus auch noch, dass bei jedem Krieg Heerhaufen in das schutzlose Dorf einfielen und es verwüsteten. Kein Wunder, dass den Hürbenern das Maß an Leid und Plage voll war - und kein Wunder auch, dass man sich hier früher die Sage vom "weißen Hund an der Hausener Lucke" erzählte: Da die Hürbe zwar regelmäßig, aber nur sehr wenig Wasser führte, war man in Hürben einst auf auswärtige Mühlen angewiesen - wie auf jene in Eselsburg, wo der Albrecht-Müller sein Mahlwerk rattern ließ. Der war ein furchterregend großer Mann mit zwei Händen, die einen Mehlsack hoch hoben, als sei er nur mit Stroh und Häcksel gefüllt. Dem Albrecht-Müller widersprach man nicht: Nicht seine Gesellen, die sich unter seinem donnernden Gebrüll duckten - und auch nicht als Bauer aus Hürben, wenn man seine kümmerliche Ernte in die Mühle brachte. Schon immer hatte man in Hürben gemunkelt, dass der Müller die Bauern gerne übers Ohr haue: Gar zu kümmerlich erschienen die wenigen Säcke Mehl, die man bei ihm aus dem mühsam gewonnenen Getreide zurückerhielt. Widerworte galten nicht. Der Albrecht-Müller stellte sich gut mit den Herren, und wer es wagte, an der Ehrlichkeit des Müllers zu zweifeln, der konnte froh sein, wenn es nur Hiebe setzte. "Mehr Mehl aus Eurem elenden Korn?", brüllte der Müller dann: "Seid froh, wenn ich es überhaupt mahle, ihr Gesindel!" Und sei es der Knüppel des wütenden Riesen oder der gewaltige Hofhund, den der Albrecht-Müller dann auf die Menschen hetzte: Der Müller schien einfach Recht zu haben, wenn er sagte: "Wer sich gegen mich rührt, der rührt sich bald nicht mehr." Seit Menschengedenken war das so gegangen - doch dann überzog der dreißigjährige Krieg das Land, und seine Heerhaufen brachten Not und Elend. Männer wie Frauen wurden niedergemetzelt, Höfe und Felder gingen in Flammen auf. Überall wurde gehungert, und Hürben traf es wieder einmal besonders schlimm. Kaum eine Scheune, kaum eine Speisekammer, die nicht von tobenden Landsknechten ausgeräumt worden wäre. Der Albrecht-Müller aber schien wie mit dem Teufel im Bunde. Ausgerechnet sein stattliches Anwesen blieb verschont, und in all der Not füllten sich seine Speicher mit Mehlsäcken, die wie aus dem Nichts zu kommen schienen. Der Müller blieb wohlgenährt und schien fast kräftiger denn je - und er blieb härter als sein härtester Mahlstein. Die hungernden Bauern, die ihn um eine Gabe aus seinen überreichen Speichern baten, trieb er in die Flucht und lachte über ihre Not. Eines Tages im Winter aber kam gleich eine ganze Reihe zerlumpter Bauern aus Hürben in die Mühle - und die schiere Verzweiflung trieb sie dazu, nicht mehr zu betteln, sondern zu fordern. So fest es ihre schwachen Beine zuließen, schritten sie aus der Kälte in die Mühle, auf den Mahlboden hinauf und vor den Albrecht-Müller: "All die Jahre", sprachen sie, "hast Du mehr als gut von unserem Korn gelebt. Nun gib uns das zurück, um was Du uns betrogen hast." So hatte noch nie jemand mit dem Albrecht-Müller gesprochen - und der Hüne geriet außer sich vor Zorn. Eigenhändig und unter tobendem Gebrüll warf er die ausgehungerten Bauern vom Mahlboden in die Tiefe, dass die Knochen krachten. "Und wenn ich Euch betrogen hätte, was wolltet Ihr machen?", schrie er den Schwerverletzten hinterher. "Wer sich gegen mich rührt, der rührt sich bald nicht mehr!" Zufrieden sah er zu, wie sich die Bauern davonschleppten - doch da sah er einen kleinen Bub, der mit den Hürbenern gekommen war und nun seinen Wams wie einen Sack über der Schulter trug - voll mit Mehl, das er während der Flucht aus einem Sack genommen hatte. Kaum mehr als das Mehl für eine Handvoll Brote wird es gewesen sein, doch nun fühlte sich der betrügerische Müller betrogen. Unter höllischem Toben ließ er seinen riesigen Hund los, und obwohl der Bub aus Leibeskräften rannte, holte ihn das Tier schließlich an der Hausener Lucke ein und machte ihn nieder. Der Albrecht-Müller aber, so sagt man, hatte seine letzte Kaltherzigkeit verbrochen: Ein Fluch musste ihn getroffen haben, denn am nächsten Morgen suchten ihn seine Gesellen vergebens, und er blieb ebenso vom Erdboden verschwunden wie sein riesiger Hund. Was aber seit jenen Tagen immer wieder gesehen wurde, war ein gespenstischer Hund, größer noch als die Bestie des Müllers - und weiß wie Mehl. In der Dämmerstunde spukte die Erscheinung an der Hausner Lucke herum, eben dort, wo der hungernde Bauernbub zu Tode gekommen war. Und den Hürbenern war schnell klar, dass es nur der Geist des verwunschenen Müllers sein konnte. Denn wer dem unheimlichen Tier über den Weg lief, der blieb wie angewurzelt stehen: "Wer sich gegen mich rührt, der rührt sich bald nicht mehr." Die Schreckensherrschaft des Albrecht-Müllers aber war trotzdem gebrochen. Bald hatten sich in und um Hürben zwei Wege herumgesprochen, wie man sich aus dem Bann des weißen Hundes befreien könne: An der Hausener Lucke, so erzählen es die Alten seither, hilft ein Stoßgebet - oder ein Fluch, so laut und heftig wie aus dem Mund des Albrecht-Müllers.

Text: Dr. Hendrik Rupp
Foto: Andreas Pröbstle / Dr. Hendrik Rupp