Der Hungerbrunnen verheißt Unglück - und hat es auch schon gebracht
Wehe, wenn dieses Wasser fließt . . .
Zugegeben: "Durstbrunnen" würde sicher noch merkwürdiger klingen. Aber ein wasserspendender Brunnen und Hunger passen eigentlich auch nicht recht zusammen. Für den Hungerbrunnen bei Heldenfingen jedenfalls bleiben die Sagen keine Erklärung schuldig. Bis heute wirft mancher Besucher des Heldenfinger Brezgenmarktes am Palmsonntag einen kritischen Blick auf den Hungerbrunnen, an dem das alte Volksfest jährlich gefeiert wird. Wenn das Trockental dann Wasser führt, ist das nach altem Brauch keineswegs ein Anlass zur Freude. Denn der Hungerbrunnen bringt Not und Hunger, so die Überlieferung, und noch heute soll es Abergläubische geben, die dann etwas Wasser abfüllen und in ihr Haus, ihre Scheunen oder Höfe stellen (einige fahren heute auch ein Fläschchen im Auto herum). Nur so kann das Unglück abgewandt werden, das der Hungerbrunnen bringt. Denn nicht nur Unwetter, schlechte Ernten und Dürren verheißt der Hungerbrunnen, wenn er zum Brezgenmarkt läuft: Auch den Menschen der Gerstetter Alb droht dann der Sage nach Unheil und Misserfolg und dass man mit dem Hungerbrunnen nicht scherzen sollte, erzählt folgende Geschichte. Einst glaubten die Heldenfinger schon, ihr letztes Stündlein habe geschlagen: Nach einem enorm schneereichen Winter brach im Frühjahr der Hungerbrunnen hervor, größer und mächtiger, als man ihn je gesehen hatte. Sein Wasser füllte das ganze Tal, und mancher Fremde wunderte sich, wenn die Leute am Ort auf die Frage nach ihrem stolzen Fluss nur ängstlich zu Boden starrten. Die Heldenfinger hatten gebetet, hatten Wasser in ihren Häusern aufgestellt, und hatten doch kaum Hoffnung, dem Unheil zu entkommen. Um so mehr verwunderte sie das Jahr: Während der Hungerbrunnen floss und floss, zogen alle Unwetter an ihnen vorüber, wuchs Getreide, Obst und Gemüse wie nie zuvor, und in diesem Jahr soll es in ganz Heldenfingen keinen einzigen Todesfall gegeben haben. Sieben fette Jahre lang floss der Hungerbrunnen, und eins ums andere wurde erfolgreich und glücklich wie keins, an das man sich erinnern konnte. Der Hungerbrunnen schien seinen Schrecken verloren zu haben. Das brachte einen Müller aus Heuchlingen auf eine gute Idee: Am Hungerbrunnen, so der geschäftstüchtige Mann, müsse eine Mühle gebaut werden. So würden sich alle Bauern von der Alb den langen Weg ins Brenztal sparen - und er selbst, so der Müller im Stillen, hätte natürlich auch manchen Gulden verdient. Gesagt, getan: Maurer zogen ins Hungerbrunnental und Zimmerleute, und eine Mühle wuchs empor, schöner und größer als alle weit und breit, und der Heuchlinger Müller rieb sich schon die Hände bei der Aussicht auf den Gewinn. Doch als das gewaltige Mühlrad in den Fluss gestellt wurde, geschah es: Auf einmal hörte der Hungerbrunnen auf zu fließen, und ließ sich viele Jahre nicht mehr blicken. Der Heuchlinger Müller war ruiniert und lebte fortan in bitterer Armut - für die Heldenfinger aber hatte der Hungerbrunnen seinem Namen wieder alle Ehre gemacht: Wehe, wenn er fließt . . .
Text und Grafik: Dr. Hendrik Rupp
Foto: Andreas Pröbstle / Dr. Hendrik Rupp



