"Die Jungfern auf Güssenburg" sollen noch heute umgehen
Kaum mehr als eine Mauer und einige Gräben oberhalb von Hermaringen sind von der Güssenburg übrig geblieben - und der Ruf, dass es dort bisweilen nicht geheuer sei. Wie die einstmals stolze Burg zur spuk-behafteten Ruine wurde? Eine Sage aus Hermaringen erklärt beides. Das Schicksal der Burg hat demnach einen Namen: Kunerich, vor Jahrhunderten Ritter und Herr der Festung über dem Brenztal. Kunerich soll seit jeher ein zügelloser, unbeherrschter Mann gewesen sein - doch seine fromme Frau tat ihr Bestes, sein Gemüt im Zaum zu halten. Als die Herrin auf Güssenburg aber starb, brach Kunerichs üble Seite erst richtig hervor: Seine edle Burg wurde zu einer Sammelstätte für Verbrecher, verstärkt mit Gesindel von nah und fern wurde der Ritter zum Räuber. Kunerich und seine Kumpane überfielen Reisende, stahlen Vieh von den Weiden und setzten dem ganzen Umland zu: Weder Hermaringen noch die bayerischen Dörfer, nicht die freie Reichsstadt Giengen und nicht einmal die Klöster in Herbrechtingen, Anhausen oder Königsbronn waren vor den Horden von der Güssenburg sicher. Seine Niedertracht schien dabei die größte Stärke Kunerichs zu sein: So war er einmal auf einem Raubzug von der Ulmer Bürgerschaft gefangen worden. Seine Genossen freilich hatten im Gegenzug etliche Ulmer in den Kerker geworfen und pressten so ihren Herrn frei. Kaum auf seiner Burg, achtete Kunerich nicht einmal den Tauschhandel, der seinen eigenen Kragen gerettet hatte: Er verlangte von den Ulmern gar noch ein enormes Lösegeld, ehe er wie versprochen die Gefangenen auslieferte. Von dem Betrag soll sich Kunerich gar eine goldene Wetterfahne auf die Burg gesetzt haben. Kunerichs Frau musste diese Schandtaten nicht mehr erleben - doch für die beiden gutherzigen Töchter des Güssenburgers brachen schreckliche Zeiten an. Hilflos mussten sie zusehen, wie ihr Vater Untertanen wie Fremde terrorisierte. Dass er seine Töchter auch vor heiratswilligen Adligen verspottete, tat nur noch ein Übriges. Den Töchtern blieb nichts, als verzweifelt zu versuchen, das Leid der Menschen mit ihrem grausamen Vater zu lindern. Teils heimlich schlichen sie von der Burg ins Dorf hinunter, halfen und spendeten und gaben so wenigstens einen kleinen Teil der Beute Kunerichs zurück. Über dem braute sich schließlich doch das Verderben zusammen. Als sie die ständigen Raubzüge nicht mehr ertrugen, stellten die Städte Giengen und Lauingen, ja selbst Langenau und das ferne Ulm gemeinsam und im Geheimen ein Heer auf. Völlig unerwartet überrannten viele Hunderte in der Johannisnacht die Güssenburg, wo sie Kunerich und seine Kumpane genau um Mitternacht beim gewohnten Trinkgelage überraschten.Nach all den Jahren, die die Bürger unter den Raubrittern gelitten hatten, kannten sie jetzt keine Gnade mehr: Keiner der Räuber entkam lebend, die Burg brannte noch in derselben Nacht zu Schutt und Asche ab. Das Schicksal war aber auch den beiden Töchtern Kunerichs nicht gnädig: Zwar konnten die beiden beim Angriff durch einen unterirdischen Gang ins Dorf fliehen, wo die Leute die mildtätigen Burgfräulein im Kloster versteckten. Doch dass sie aus dem Tal zusehen mussten, wie mit der Güssenburg auch die ganze Geschichte ihrer Familie in Flammen aufging, muss den Jungfern das Herz gebrochen haben. Tag und Nacht für das Seelenheil ihres bösen Vaters betend, sollen sie noch in jungen Jahren vor Kummer im Kloster gestorben sein. In der Johannisnacht aber, zur Sommersonnenwende, an eben jenem Tag, an dem die Güssenburg einst unterging, sollen die beiden Jungfern bis heute durch die Ruine wandeln: zwei Schatten aus dem Totenreich, so sagt man - mit langen, weißen Schleiern.
Text und Grafik: Dr. Hendrik Rupp
Foto: Andreas Pröbstle / Dr. Hendrik Rupp



