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Die Kapelle im Traum beendete den Spuk

  • Thematische Grafik und Landschaftsbild

Aus Dischingen: Wie ein gottesfürchtiger Hirtenjunge dem "verwunschenen Mühlberg" den Schrecken nahm.

Um es gleich vorweg zu sagen: Wer heute auf der Landstraße von Dischingen nach Ballmertshofen am Mühlberg vorbeikommt, braucht keine Angst vor Spuk oder bösen Geistern mehr zu haben. Wenn man aber dieser Sage aus Dischingen glauben darf, war das weiß Gott nicht immer so - und dass es nicht mehr so ist, ist allein das Werk eines frommen Hirtenjungen. Seinen Namen hat der Berg von der Dischinger Mühle erhalten, die einst an seinem Fuß lag. Und zu dieser Mühle zu fahren war den Dischingern lange Jahre ein Gräuel gewesen. Denn nicht nur, dass die Mühle (wie seinerzeit alle Mühlen) immer etwas Unheimliches hatte - von der Gegend am Mühlberg wurden immer wieder schauerliche Dinge erzählt. So gingen einem Bauern die Pferde durch, als es beim Vorbeifahren plötzlich aus dem Innern des Berges laut ächzte und stöhnte. Raben und unbekannte, finstere Geistervögel sah man über dem Berg, der selbst an hellen Sommertagen immer eine unheimliche Dämmerung um sich verbreitete. Der Mühlberg war verwunschen und wurde gemieden. Selbst die saftigen Wiesen an seinem Hang und die vielen reifen Beeren, die dort üppiger als irgendwo sonst zu wachsen schienen, änderten daran nichts: Seit einmal einem Mädchen beim Beerensammeln am Mühlberg eine gespenstische Gestalt erschienen war, die es in ein Erdloch hatte locken wollen, traute man sich nicht einmal mehr in Gruppen dorthin. All das nutzte dem Anton nicht viel: Als Sohn armer Leute musste er sich als "Ochsenbube" verdingen - als Viehhirt, der freilich viel öfter Ziegen und Schafe als fette Ochsen hütete. Und so wenig er angesehen war, so schwer hatte er es mit der rechten Weide: Wo er die Tiere auch hintrieb, wurde er verjagt, und so blieben ihm nur die kärgsten, steinigsten Gegenden - oder aber der Mühlberg, auf dem sonst niemand hüten wollte. Die Not siegte schließlich über die Angst: Heimlich steckte der Anton zum Schutz den Rosenkranz seiner Großmutter in die Tasche, und an einem düsteren Herbsttag trieb er seine Tiere auf den Mühlberg. Dort ließ sich der Anton nieder und staunte erst einmal: Pilze wuchsen in Hülle und Fülle, das Gras stand hoch und grün wie im Frühjahr - und von Spuk war weit und breit nichts zu sehen. Nachdem Anton Pilze für viele Tage gesammelt hatte, Beeren und Kräuter, legte er sich zufrieden über den erfolgreichen Tag auf den Rücken und schlief ein. Als Anton aber erwachte, glaubte er in einer anderen Welt zu sein. Ein Unwetter war aufgezogen, nachtschwarz war es am Mühlberg, und der Wind heulte und tobte um ihn. Wolken fuhren über seine Weide, die Bäume ächzten und knarrten laut, und plötzlich schienen sich die Schatten selbstständig zu machen: Von überall her sah Anton große, bedrohliche Gestalten auf sich zukommen: Der Mühlberg wollte sich gegen den ungebetenen Besucher wehren. Anton sank in die Knie und zog den Rosenkranz aus der Tasche. Laut fing er an zu beten, immer wieder und wieder und so laut, als wolle er allein gegen den Sturm ankämpfen. Die Schatten aber kamen immer näher und näher: Anton schloss die Augen, und er betete mit fester Stimme weiter. Als er die Augen wieder öffnete, musste er blinzeln: Plötzlich war er gar nicht mehr auf der Weide! Eine Kapelle war um ihn herum gewachsen, mit hoher, weißer Decke, bunten Glasfenstern - das war schon gar keine Kapelle mehr, sondern eine Kirche, die immer nur noch größer und schöner zu werden schien - eine Kathedrale, prächtiger als die Kirche im Kloster Neresheim, und das war die prächtigste, die Anton je gesehen hatte. Bebend soll Anton nach Dischingen gerannt sein und den Leuten so lange von der Kirche erzählt haben, bis sich alle zum Mühlberg aufmachten. Dort hatte sich das Unwetter verzogen - doch von der Kathedrale war nichts mehr zu sehen. Der Spott war Anton freilich egal. Für ihn hatte der Mühlberg seinen Schrecken auf immer verloren, und nachdem er lange Jahre dort gehütet hatte, wagten sich auch andere in die einst verwunschene Gegend. Niemand hörte je mehr von Geistern oder Spuk am Berg, und man spazierte ohne Angst über seine Hänge - so wie man es dank dem frommen Ochsenbuben Anton bis heute tun kann.

Text und Grafik: Dr. Hendrik Rupp
Foto: Andreas Pröbstle / Dr. Hendrik Rupp