Sagen rund um Heidenheim

Knöpfleswäscherin

Zumindest dem Namen nach ist die "Knöpfleswäscherin" sicher eine der bekanntesten Sagenfiguren des Landkreises: In Bronze gegossen beherrscht sie die Fußgängerzone, und auch in der Neuen Woche hat sie ihren festen Platz. Wer sich einmal an einem Rezept für Knöpfle (für Neu-Heidenheimer: Eine Art von Klößen aus Hefeteig) versucht hat, weiß, dass "Waschen" nicht zur Zubereitung gehört. Interessant also, dass die Heidenheimer Sagen gleich zwei Gründe dafür anbieten, dass die Bewohner der Stadt zu den "Knöpfleswäschern" wurden. So wird von einer Frau erzählt, die einst ihrem Mann seine Leibspeise zur Arbeit bringen wollte: Knöpfle waren es, frisch und noch warm im Henkelkorb verstaut. Mit ihnen machte sich die treu sorgende Gemahlin auf den Weg durch die Stadt - und kam vielleicht sogar an eben jener Stelle vorbei, an der heute der Brunnen mit ihrer Figur steht, damals freilich noch ein breiter, steiniger Weg. Doppelt schlecht für die Frau: Sie stolperte über einen Stein, fiel und verlor ihren Korb, und heraus rollten all die guten Knöpfle - buchstäblich in den Dreck. Was nun? Ihren Mann konnte sie nicht hungern lassen, und für neue Knöpfle war wohl nicht nur die Zeit knapp: Eine reiche Bürgerin wird unsere Frau nämlich kaum gewesen sein. In ihrer Not wusste sie nur einen Rat: Sie sammelte die Knöpfle ein, eilte zur nahen Brenz und wusch ihrem Mann die Speise sauber. Dass heute ein Brunnen an das Missgeschick erinnert, ist übrigens die Schuld eines Auswärtigen, der der armen Frau bei ihrem Tun zusah. Er erzählte wohl überall herum, dass man in Heidenheim selbst die Knöpfle von der Straße wasche - und diesen Spitznamen sind die Heidenheimer bis heute nicht mehr losgeworden. Weniger bekannt, aber dafür recht pfiffig, ist die zweite Erzählung über die gewaschenen Knödel. Sie spielt zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges, als marodierende Soldaten aus aller Herren Länder über die Alb zogen - und auch durch Heidenheim. Hier kehrten französische Söldner bei einem Gastwirt ein, tranken, grölten und führten sich als die Herren auf. Keine Manieren zeigten die "welschen" Landsknechte auch beim Essen. Die Knöpfle nämlich, die ihnen der Wirt auftischte, wollten die Soldaten erst gar nicht versuchen - denn: was der Musketier nicht kennt, das isst er nicht. Maulend stocherten sie in den Speisen, schnupperten argwöhnisch an den Tellern und warfen die Knöpfle schließlich einfach auf den Boden. Der Wirt, so die bewaffneten Rabauken, solle jetzt etwas Anständiges bringen. Der rächte sich freilich auf seine Weise: Nur scheinbar eilfertig sammelte er die Knöpfle auf und verschwand schnell in der Küche. Dort wusch er schnell den Schmutz von den Knöpfle, schnitt sie in Scheiben und briet sie in der Pfanne an. Gut geschmälzt und goldbraun trug er die Knöpfle dann erneut zu den Franzosen und tischte ihnen ein "ganz neues" Gericht auf. Und siehe da: Den gefoppten Landsknechten schmeckten die Knöpfle plötzlich hervorragend, sie schmausten und schmatzten und putzten alle Teller des "Knöpfleswäschers" leer. Gut, dass sie den listigen Heidenheimer nicht nach dem Rezept gefragt haben.


Die Kapelle im Traum beendete den Spuk

Aus Dischingen: Wie ein gottesfürchtiger Hirtenjunge dem "verwunschenen Mühlberg" den Schrecken nahm.
Um es gleich vorweg zu sagen: Wer heute auf der Landstraße von Dischingen nach Ballmertshofen am Mühlberg vorbeikommt, braucht keine Angst vor Spuk oder bösen Geistern mehr zu haben. Wenn man aber dieser Sage aus Dischingen glauben darf, war das weiß Gott nicht immer so - und dass es nicht mehr so ist, ist allein das Werk eines frommen Hirtenjungen. Seinen Namen hat der Berg von der Dischinger Mühle erhalten, die einst an seinem Fuß lag. Und zu dieser Mühle zu fahren war den Dischingern lange Jahre ein Gräuel gewesen. Denn nicht nur, dass die Mühle (wie seinerzeit alle Mühlen) immer etwas Unheimliches hatte - von der Gegend am Mühlberg wurden immer wieder schauerliche Dinge erzählt. So gingen einem Bauern die Pferde durch, als es beim Vorbeifahren plötzlich aus dem Innern des Berges laut ächzte und stöhnte. Raben und unbekannte, finstere Geistervögel sah man über dem Berg, der selbst an hellen Sommertagen immer eine unheimliche Dämmerung um sich verbreitete. Der Mühlberg war verwunschen und wurde gemieden. Selbst die saftigen Wiesen an seinem Hang und die vielen reifen Beeren, die dort üppiger als irgendwo sonst zu wachsen schienen, änderten daran nichts: Seit einmal einem Mädchen beim Beerensammeln am Mühlberg eine gespenstische Gestalt erschienen war, die es in ein Erdloch hatte locken wollen, traute man sich nicht einmal mehr in Gruppen dorthin. All das nutzte dem Anton nicht viel: Als Sohn armer Leute musste er sich als "Ochsenbube" verdingen - als Viehhirt, der freilich viel öfter Ziegen und Schafe als fette Ochsen hütete. Und so wenig er angesehen war, so schwer hatte er es mit der rechten Weide: Wo er die Tiere auch hintrieb, wurde er verjagt, und so blieben ihm nur die kärgsten, steinigsten Gegenden - oder aber der Mühlberg, auf dem sonst niemand hüten wollte. Die Not siegte schließlich über die Angst: Heimlich steckte der Anton zum Schutz den Rosenkranz seiner Großmutter in die Tasche, und an einem düsteren Herbsttag trieb er seine Tiere auf den Mühlberg. Dort ließ sich der Anton nieder und staunte erst einmal: Pilze wuchsen in Hülle und Fülle, das Gras stand hoch und grün wie im Frühjahr - und von Spuk war weit und breit nichts zu sehen. Nachdem Anton Pilze für viele Tage gesammelt hatte, Beeren und Kräuter, legte er sich zufrieden über den erfolgreichen Tag auf den Rücken und schlief ein. Als Anton aber erwachte, glaubte er in einer anderen Welt zu sein. Ein Unwetter war aufgezogen, nachtschwarz war es am Mühlberg, und der Wind heulte und tobte um ihn. Wolken fuhren über seine Weide, die Bäume ächzten und knarrten laut, und plötzlich schienen sich die Schatten selbstständig zu machen: Von überall her sah Anton große, bedrohliche Gestalten auf sich zukommen: Der Mühlberg wollte sich gegen den ungebetenen Besucher wehren. Anton sank in die Knie und zog den Rosenkranz aus der Tasche. Laut fing er an zu beten, immer wieder und wieder und so laut, als wolle er allein gegen den Sturm ankämpfen. Die Schatten aber kamen immer näher und näher: Anton schloss die Augen, und er betete mit fester Stimme weiter. Als er die Augen wieder öffnete, musste er blinzeln: Plötzlich war er gar nicht mehr auf der Weide! Eine Kapelle war um ihn herum gewachsen, mit hoher, weißer Decke, bunten Glasfenstern - das war schon gar keine Kapelle mehr, sondern eine Kirche, die immer nur noch größer und schöner zu werden schien - eine Kathedrale, prächtiger als die Kirche im Kloster Neresheim, und das war die prächtigste, die Anton je gesehen hatte. Bebend soll Anton nach Dischingen gerannt sein und den Leuten so lange von der Kirche erzählt haben, bis sich alle zum Mühlberg aufmachten. Dort hatte sich das Unwetter verzogen - doch von der Kathedrale war nichts mehr zu sehen. Der Spott war Anton freilich egal. Für ihn hatte der Mühlberg seinen Schrecken auf immer verloren, und nachdem er lange Jahre dort gehütet hatte, wagten sich auch andere in die einst verwunschene Gegend. Niemand hörte je mehr von Geistern oder Spuk am Berg, und man spazierte ohne Angst über seine Hänge - so wie man es dank dem frommen Ochsenbuben Anton bis heute tun kann.


"Die Jungfern auf Güssenburg" sollen noch heute umgehen

Kaum mehr als eine Mauer und einige Gräben oberhalb von Hermaringen sind von der Güssenburg übrig geblieben - und der Ruf, dass es dort bisweilen nicht geheuer sei. Wie die einstmals stolze Burg zur spuk-behafteten Ruine wurde? Eine Sage aus Hermaringen erklärt beides. Das Schicksal der Burg hat demnach einen Namen: Kunerich, vor Jahrhunderten Ritter und Herr der Festung über dem Brenztal. Kunerich soll seit jeher ein zügelloser, unbeherrschter Mann gewesen sein - doch seine fromme Frau tat ihr Bestes, sein Gemüt im Zaum zu halten. Als die Herrin auf Güssenburg aber starb, brach Kunerichs üble Seite erst richtig hervor: Seine edle Burg wurde zu einer Sammelstätte für Verbrecher, verstärkt mit Gesindel von nah und fern wurde der Ritter zum Räuber. Kunerich und seine Kumpane überfielen Reisende, stahlen Vieh von den Weiden und setzten dem ganzen Umland zu: Weder Hermaringen noch die bayerischen Dörfer, nicht die freie Reichsstadt Giengen und nicht einmal die Klöster in Herbrechtingen, Anhausen oder Königsbronn waren vor den Horden von der Güssenburg sicher. Seine Niedertracht schien dabei die größte Stärke Kunerichs zu sein: So war er einmal auf einem Raubzug von der Ulmer Bürgerschaft gefangen worden. Seine Genossen freilich hatten im Gegenzug etliche Ulmer in den Kerker geworfen und pressten so ihren Herrn frei. Kaum auf seiner Burg, achtete Kunerich nicht einmal den Tauschhandel, der seinen eigenen Kragen gerettet hatte: Er verlangte von den Ulmern gar noch ein enormes Lösegeld, ehe er wie versprochen die Gefangenen auslieferte. Von dem Betrag soll sich Kunerich gar eine goldene Wetterfahne auf die Burg gesetzt haben. Kunerichs Frau musste diese Schandtaten nicht mehr erleben - doch für die beiden gutherzigen Töchter des Güssenburgers brachen schreckliche Zeiten an. Hilflos mussten sie zusehen, wie ihr Vater Untertanen wie Fremde terrorisierte. Dass er seine Töchter auch vor heiratswilligen Adligen verspottete, tat nur noch ein Übriges. Den Töchtern blieb nichts, als verzweifelt zu versuchen, das Leid der Menschen mit ihrem grausamen Vater zu lindern. Teils heimlich schlichen sie von der Burg ins Dorf hinunter, halfen und spendeten und gaben so wenigstens einen kleinen Teil der Beute Kunerichs zurück. Über dem braute sich schließlich doch das Verderben zusammen. Als sie die ständigen Raubzüge nicht mehr ertrugen, stellten die Städte Giengen und Lauingen, ja selbst Langenau und das ferne Ulm gemeinsam und im Geheimen ein Heer auf. Völlig unerwartet überrannten viele Hunderte in der Johannisnacht die Güssenburg, wo sie Kunerich und seine Kumpane genau um Mitternacht beim gewohnten Trinkgelage überraschten.Nach all den Jahren, die die Bürger unter den Raubrittern gelitten hatten, kannten sie jetzt keine Gnade mehr: Keiner der Räuber entkam lebend, die Burg brannte noch in derselben Nacht zu Schutt und Asche ab. Das Schicksal war aber auch den beiden Töchtern Kunerichs nicht gnädig: Zwar konnten die beiden beim Angriff durch einen unterirdischen Gang ins Dorf fliehen, wo die Leute die mildtätigen Burgfräulein im Kloster versteckten. Doch dass sie aus dem Tal zusehen mussten, wie mit der Güssenburg auch die ganze Geschichte ihrer Familie in Flammen aufging, muss den Jungfern das Herz gebrochen haben. Tag und Nacht für das Seelenheil ihres bösen Vaters betend, sollen sie noch in jungen Jahren vor Kummer im Kloster gestorben sein. In der Johannisnacht aber, zur Sommersonnenwende, an eben jenem Tag, an dem die Güssenburg einst unterging, sollen die beiden Jungfern bis heute durch die Ruine wandeln: zwei Schatten aus dem Totenreich, so sagt man - mit langen, weißen Schleiern.


Der Hungerbrunnen verheißt Unglück - und hat es auch schon gebracht

Wehe, wenn dieses Wasser fließt ...
Zugegeben: "Durstbrunnen" würde sicher noch merkwürdiger klingen. Aber ein wasserspendender Brunnen und Hunger passen eigentlich auch nicht recht zusammen. Für den Hungerbrunnen bei Heldenfingen jedenfalls bleiben die Sagen keine Erklärung schuldig. Bis heute wirft mancher Besucher des Heldenfinger Brezgenmarktes am Palmsonntag einen kritischen Blick auf den Hungerbrunnen, an dem das alte Volksfest jährlich gefeiert wird. Wenn das Trockental dann Wasser führt, ist das nach altem Brauch keineswegs ein Anlass zur Freude. Denn der Hungerbrunnen bringt Not und Hunger, so die Überlieferung, und noch heute soll es Abergläubische geben, die dann etwas Wasser abfüllen und in ihr Haus, ihre Scheunen oder Höfe stellen (einige fahren heute auch ein Fläschchen im Auto herum). Nur so kann das Unglück abgewandt werden, das der Hungerbrunnen bringt. Denn nicht nur Unwetter, schlechte Ernten und Dürren verheißt der Hungerbrunnen, wenn er zum Brezgenmarkt läuft: Auch den Menschen der Gerstetter Alb droht dann der Sage nach Unheil und Misserfolg und dass man mit dem Hungerbrunnen nicht scherzen sollte, erzählt folgende Geschichte. Einst glaubten die Heldenfinger schon, ihr letztes Stündlein habe geschlagen: Nach einem enorm schneereichen Winter brach im Frühjahr der Hungerbrunnen hervor, größer und mächtiger, als man ihn je gesehen hatte. Sein Wasser füllte das ganze Tal, und mancher Fremde wunderte sich, wenn die Leute am Ort auf die Frage nach ihrem stolzen Fluss nur ängstlich zu Boden starrten. Die Heldenfinger hatten gebetet, hatten Wasser in ihren Häusern aufgestellt, und hatten doch kaum Hoffnung, dem Unheil zu entkommen. Um so mehr verwunderte sie das Jahr: Während der Hungerbrunnen floss und floss, zogen alle Unwetter an ihnen vorüber, wuchs Getreide, Obst und Gemüse wie nie zuvor, und in diesem Jahr soll es in ganz Heldenfingen keinen einzigen Todesfall gegeben haben. Sieben fette Jahre lang floss der Hungerbrunnen, und eins ums andere wurde erfolgreich und glücklich wie keins, an das man sich erinnern konnte. Der Hungerbrunnen schien seinen Schrecken verloren zu haben. Das brachte einen Müller aus Heuchlingen auf eine gute Idee: Am Hungerbrunnen, so der geschäftstüchtige Mann, müsse eine Mühle gebaut werden. So würden sich alle Bauern von der Alb den langen Weg ins Brenztal sparen - und er selbst, so der Müller im Stillen, hätte natürlich auch manchen Gulden verdient. Gesagt, getan: Maurer zogen ins Hungerbrunnental und Zimmerleute, und eine Mühle wuchs empor, schöner und größer als alle weit und breit, und der Heuchlinger Müller rieb sich schon die Hände bei der Aussicht auf den Gewinn. Doch als das gewaltige Mühlrad in den Fluss gestellt wurde, geschah es: Auf einmal hörte der Hungerbrunnen auf zu fließen, und ließ sich viele Jahre nicht mehr blicken. Der Heuchlinger Müller war ruiniert und lebte fortan in bitterer Armut - für die Heldenfinger aber hatte der Hungerbrunnen seinem Namen wieder alle Ehre gemacht: Wehe, wenn er fließt ...


Der Klosterschatz aus Herbrechtingen brachte seinen Räubern Tod und einem Armen Reichtum

Dass geraubtes Gold nur Unglück bringt, sagt schon ein altes Sprichwort in Herbrechtingen, aber kann man diese Weisheit auch an einer Sage aus fernen Zeiten lernen? Vor gut siebenhundert Jahren war das Kloster Herbrechtingen reich und mächtig, den Bürgern der Stadt Giengen gar zu mächtig: Dass die Mönche nach altem Recht manches Privileg in der Freien Reichsstadt genossen und dort beispielsweise auch den Pfarrer ernennen konnten, sorgte bei den Giengenern immer wieder für Ärger und Zorn. Mit eben diesem Zwist konnte der Herbrechtinger Geißenpeter gut leben: Er brachte als Höriger des Klosters immer wieder Nachrichten nach Giengen und zurück und bekam so allerhand vom Streit mit. Sein Wissen wiederum nutzte er, um im Alltag kleine Geschäftle zu machen, denn die Arbeit überließ der Geißenpeter lieber seiner Frau. Als der Geißenpeter aber einmal im Kloster die reich gefüllte Kasse der Mönche sah, wurde aus seinen kleinen Gaunereien der Plan zur großen Übeltat: Bei zwielichtem Gesindel in Giengen machte sich der Geißenpeter lieb Kind und stachelte sie zur Fehde gegen das Kloster an: Dem Kammerhans, Anführer der Giengener Rabauken, versprach er dafür einen Anteil am Herbrechtinger Klosterschatz. In der aufgeladenen Stimmung zwischen Kloster und Reichsstadt ging der üble Plan schnell auf: Ein aufgehetzter Mob zog nach Herbrechtingen und überfiel das Kloster, randalierte und machte jahrelangem Zorn Luft. Mitten in diesem Getöse kochte der Geißenpeter aber erneut sein eigenes Süppchen: Er stahl den Schatz auf eigene Faust, trug ihn davon und vergrub ihn mitten auf einem Acker in einem tiefen Loch. An seinem Gold sollte er aber keine Freude mehr haben: Noch in der gleichen Nacht bemerkte der Giengener Kammerhans den Betrug und stach den Geißenpeter nieder, nur, um selbst noch in der gleichen Nacht dem Zorn seines eigenen Mobs zum Opfer zu fallen. Der Klosterschatz blieb verschollen, und daran änderte auch ein jahrhundertelanges "Jagdfieber" nichts: Tausende von Schatzgräbern und Glücksrittern lockte der sagenhafte Schatz nach Herbrechtingen, wo man vor allem nachts an Ruinen und geheimnisumwitterten Plätzen den Spaten ansetzte: Nur an Mitternacht, so ging die Legende, könne man den Schatz finden. Das Gold aber blieb unentdeckt. Erst Jahrhunderte später kam das Gold der Mönche wieder ans Tageslicht, und, nachdem es einst seinen Räubern den Tod gebracht hatte, machte es nun einen Armen reich: Der Herbrechtinger Eschoi nämlich grub den Schatz eines Tages beim Arbeiten in seinem ärmlichen Garten aus. Dem Unbescholtenen brachte der Klosterschatz dann auch kein Unglück, sondern Wohlstand.


Der grausame Müller muss auf vier Pfoten spuken

Nein, leicht haben es die Hürbener in alten Zeiten weiß Gott nicht gehabt: Eingeklemmt zwischen sumpfigen Tälern und steinigen Höhen hatten die wenigen Bewohner des kleinen Dorfes schon genug Arbeit, um für ihr täglich Brot zu sorgen - und dann hatte der Flecken neben den eigenen Burgherren, den "de Hurwins" auf dem hohen Felsen mitten im Dorf, später auch noch die nahe und noch viel größere Kaltenburg zu versorgen. Beide Festen garantierten darüber hinaus auch noch, dass bei jedem Krieg Heerhaufen in das schutzlose Dorf einfielen und es verwüsteten. Kein Wunder, dass den Hürbenern das Maß an Leid und Plage voll war - und kein Wunder auch, dass man sich hier früher die Sage vom "weißen Hund an der Hausener Lucke" erzählte: Da die Hürbe zwar regelmäßig, aber nur sehr wenig Wasser führte, war man in Hürben einst auf auswärtige Mühlen angewiesen - wie auf jene in Eselsburg, wo der Albrecht-Müller sein Mahlwerk rattern ließ. Der war ein furchterregend großer Mann mit zwei Händen, die einen Mehlsack hoch hoben, als sei er nur mit Stroh und Häcksel gefüllt. Dem Albrecht-Müller widersprach man nicht: Nicht seine Gesellen, die sich unter seinem donnernden Gebrüll duckten - und auch nicht als Bauer aus Hürben, wenn man seine kümmerliche Ernte in die Mühle brachte. Schon immer hatte man in Hürben gemunkelt, dass der Müller die Bauern gerne übers Ohr haue: Gar zu kümmerlich erschienen die wenigen Säcke Mehl, die man bei ihm aus dem mühsam gewonnenen Getreide zurückerhielt. Widerworte galten nicht. Der Albrecht-Müller stellte sich gut mit den Herren, und wer es wagte, an der Ehrlichkeit des Müllers zu zweifeln, der konnte froh sein, wenn es nur Hiebe setzte. "Mehr Mehl aus Eurem elenden Korn?", brüllte der Müller dann: "Seid froh, wenn ich es überhaupt mahle, ihr Gesindel!" Und sei es der Knüppel des wütenden Riesen oder der gewaltige Hofhund, den der Albrecht-Müller dann auf die Menschen hetzte: Der Müller schien einfach Recht zu haben, wenn er sagte: "Wer sich gegen mich rührt, der rührt sich bald nicht mehr." Seit Menschengedenken war das so gegangen - doch dann überzog der dreißigjährige Krieg das Land, und seine Heerhaufen brachten Not und Elend. Männer wie Frauen wurden niedergemetzelt, Höfe und Felder gingen in Flammen auf. Überall wurde gehungert, und Hürben traf es wieder einmal besonders schlimm. Kaum eine Scheune, kaum eine Speisekammer, die nicht von tobenden Landsknechten ausgeräumt worden wäre. Der Albrecht-Müller aber schien wie mit dem Teufel im Bunde. Ausgerechnet sein stattliches Anwesen blieb verschont, und in all der Not füllten sich seine Speicher mit Mehlsäcken, die wie aus dem Nichts zu kommen schienen. Der Müller blieb wohlgenährt und schien fast kräftiger denn je - und er blieb härter als sein härtester Mahlstein. Die hungernden Bauern, die ihn um eine Gabe aus seinen überreichen Speichern baten, trieb er in die Flucht und lachte über ihre Not. Eines Tages im Winter aber kam gleich eine ganze Reihe zerlumpter Bauern aus Hürben in die Mühle - und die schiere Verzweiflung trieb sie dazu, nicht mehr zu betteln, sondern zu fordern. So fest es ihre schwachen Beine zuließen, schritten sie aus der Kälte in die Mühle, auf den Mahlboden hinauf und vor den Albrecht-Müller: "All die Jahre", sprachen sie, "hast Du mehr als gut von unserem Korn gelebt. Nun gib uns das zurück, um was Du uns betrogen hast." So hatte noch nie jemand mit dem Albrecht-Müller gesprochen - und der Hüne geriet außer sich vor Zorn. Eigenhändig und unter tobendem Gebrüll warf er die ausgehungerten Bauern vom Mahlboden in die Tiefe, dass die Knochen krachten. "Und wenn ich Euch betrogen hätte, was wolltet Ihr machen?", schrie er den Schwerverletzten hinterher. "Wer sich gegen mich rührt, der rührt sich bald nicht mehr!" Zufrieden sah er zu, wie sich die Bauern davonschleppten - doch da sah er einen kleinen Bub, der mit den Hürbenern gekommen war und nun seinen Wams wie einen Sack über der Schulter trug - voll mit Mehl, das er während der Flucht aus einem Sack genommen hatte. Kaum mehr als das Mehl für eine Handvoll Brote wird es gewesen sein, doch nun fühlte sich der betrügerische Müller betrogen. Unter höllischem Toben ließ er seinen riesigen Hund los, und obwohl der Bub aus Leibeskräften rannte, holte ihn das Tier schließlich an der Hausener Lucke ein und machte ihn nieder. Der Albrecht-Müller aber, so sagt man, hatte seine letzte Kaltherzigkeit verbrochen: Ein Fluch musste ihn getroffen haben, denn am nächsten Morgen suchten ihn seine Gesellen vergebens, und er blieb ebenso vom Erdboden verschwunden wie sein riesiger Hund. Was aber seit jenen Tagen immer wieder gesehen wurde, war ein gespenstischer Hund, größer noch als die Bestie des Müllers - und weiß wie Mehl. In der Dämmerstunde spukte die Erscheinung an der Hausner Lucke herum, eben dort, wo der hungernde Bauernbub zu Tode gekommen war. Und den Hürbenern war schnell klar, dass es nur der Geist des verwunschenen Müllers sein konnte. Denn wer dem unheimlichen Tier über den Weg lief, der blieb wie angewurzelt stehen: "Wer sich gegen mich rührt, der rührt sich bald nicht mehr." Die Schreckensherrschaft des Albrecht-Müllers aber war trotzdem gebrochen. Bald hatten sich in und um Hürben zwei Wege herumgesprochen, wie man sich aus dem Bann des weißen Hundes befreien könne: An der Hausener Lucke, so erzählen es die Alten seither, hilft ein Stoßgebet - oder ein Fluch, so laut und heftig wie aus dem Mund des Albrecht-Müllers.


Wie das "Erzmännle" dem Bergbau ein Ende bereitete

Tödliche Strafe für die Gier nach Erz
Ein Wissenschaftler würde wohl einleuchtende Gründe dafür finden, warum man rund um Heidenheim schon lange kein Erz mehr abbaut: Nur in kleinsten Körnchen fand man das darum auch "Bohnerz" genannte metallhaltige Gestein früher; daraus Eisen zu schmelzen war mühsam und wohl irgendwann schlicht zu teuer. In den alten Erzählungen findet sich freilich ein ganz anderer Grund für das Ende des Bergbaus - die Geschichte vom "Nattheimer Erzmännle" nämlich. Vor vielen Jahrhunderten herrschte in den Wäldern zwischen Oggenhausen und Nattheim reger Betrieb. In Gruben ließen reiche Besitzer nach Bohnerz schürfen. Das geschah dabei ebenso von Hand wie der Abtransport zu den Eisenhütten in den Tälern - eine schweißtreibende und dazu schlecht entlohnte Plackerei. Daran lag es aber nicht, dass eines Jahres plötzlich mehr und mehr Arbeiter die Gruben auf Nimmerwiedersehen verließen: Bleich und verstört kamen sie die Leitern aus den finsteren, tiefen Löchern empor, warfen ihre Meißel und Hacken fort und stolperten aus dem Tal - und auch das Toben ihrer Herren hielt sie nicht davon ab, nie wieder zur Arbeit zu erscheinen. Nach und nach schloss eine Grube nach der anderen - nur ein Grubenherr wollte nicht aufgeben: Von auswärts war er nach Nattheim gekommen, hatte sich sein kleines Grubenreich geschaffen und dachte nun gar nicht daran, es aufzugeben. Er stellte neue Arbeiter an, zahlte ihnen viele Heller mehr am Tag und stellte ihnen fette Grützen auf den Tisch. Umsonst: Mancher blieb wenige Stunden, andere hielten in paar Tage aus - doch dann flüchteten sie und kamen nie wieder. In den Gruben, so stammelten einige, wohne ein Geist. Außer sich vor Zorn stieg der Grubenherr selbst in die Tiefe, leuchtete mit der Fackel in alle Ecken und schnaubte verächtlich: Nichts war von einem Geist zu sehen. Verärgert hob er eine Hacke, die ein Arbeiter fallengelassen hatte, und hieb damit gegen den Fels. Da wurde es plötzlich hinter ihm hell, und als der Grubenherr sich umdrehte, sah er ein kleines Männlein aus dem Fels treten - ganz leicht, als breche es durch ein lichtes Gebüsch. Das Männlein war klein, hatte eine giftgrüne Kappe und einen silbrig-glänzenden Bart. Dabei leuchtete es selbst - viel heller als die Fackel des Grubenherrn. Das Männlein blickte ihn streng an und neigte den Kopf: "Nehmt mir nicht mein letztes Erz", sprach es mit seufzender Stimme. "Alles habt ihr genommen. Nehmt mir nicht mein letztes Erz." Der Grubenherr bekam es mit der Angst und eilte die Leiter hinauf ans Tageslicht. Dort freilich gewann die Gier nach Erz und Geld bald wieder die Oberhand über ihn. Ein kleines Männlein sollte ihm seinen Reichtum verderben? Nie und nimmer! Da traf es sich gut, dass sich am nächsten Tag ein armer Köhlersohn bei ihm verdingen wollte. Dass man beim Grubenherrn gutes Geld verdiene, habe er gehört, und Geld wolle er verdienen, denn seine Mutter sei krank und brauche teure Arznei. "Ich werde alles tun und nicht weglaufen", versprach er. Zu allem bereit, stieg er gleich in die Grube hinab - und siehe da, er schien vom Erzmännlein nichts zu sehen. Einen Korb nach dem anderen mit bestem Erz schaffte er die Leiter empor, er arbeitete allein so viel wie sonst ein ganzer Trupp von Bergleuten. Der Grubenherr sah den enormen Fleiß des Köhlersohns mit heller Freude - doch schon sorgte er sich um seine Zukunft: "Wenn der so weiterarbeitet, hat er das Geld für seine kranke Mutter in wenigen Tagen beisammen." Und so betrog er seinen Arbeiter, der hart arbeiten, aber nicht zählen konnte. An jedem Tag zahlte er ihm nur einen Bruchteil des gerechten Lohns, und als der sechste Tag vorbei war, hatte der Köhlersohn so statt dem eigentlich verdienten Geld für seine Mutter nur ein Viertel beisammen. Da rumorte es plötzlich in der Erde, und das Erzmännlein sprach jetzt laut und dröhnend: "Ihr nehmt mir nicht mein letztes Erz!" Das Rumoren wurde zu einem Brausen und Zischen, Wasser stieg brausend aus der Tiefe, stieg hoch und höher bis an den Rand, erfasste den Grubenherrn und zog ihn in die Tiefe. Zurück blieb von der Grube nur ein tiefer Teich. In dem war auch der Köhlersohn ertrunken, doch die Sage erzählt, dass seine Mutter am nächsten Tag gesund wurde und der See sich über Nacht mit blendend weißen Seerosen bedeckte. Nach denen muss man im Wald zwischen Nattheim, Heidenheim und Oggenhausen heute zwar lange suchen - doch Teiche gibt es mehrere. Und wenn man der Sage glauben darf, wacht in einem das Erzmännlein über seine Schätze.

(Alle Texte von: Dr. Hendrik Rupp)


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